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„Verstörendes Totholz“ ist quicklebendiger Lebensraum für Käfer, Larven und Co.

Antwort auf den Tagesspiegel-Artikel „Tegeler Fließ befindet sich in einem desolaten Zustand“ von Manfred Krauß 23. Jan. 2018

Auf den Internetseiten des Tagesspiegels (TSP) erschien am 12.1.2018 ein Artikel mit dem Titel: „Tegeler Fließ befindet sich in einem desolaten Zustand“ verfasst von G. Appenzeller, dem ehemaligen Herausgeber und Sprecher der Chefredaktion, der auch heute noch der Chefredaktion der Tageszeitung beratend zur Seite steht.

In dem Artikel wird der chaotische und unordentliche Zustand des Tegeler Fließtals, einem Landschaftsschutzgebiet (LSG) und Naturschutzgebiet (NSG) im Norden Berlins beklagt. Die zuständigen Senatsbehörden würden das Fließtal zwischen Lübars und Tegel, ein angeblich ehemals gepflegtes landschaftliches Kleinod aus Naturschutzgründen verwahrlosen lassen, indem sie keine Gewässerunterhaltung mehr betreiben, Entwässergräben zuwachsen und tote Bäume ins Fließ fallen lassen. Dadurch würde billigend in Kauf genommen, dass die Keller der Anwohner vollaufen würden, die Lübarser Bauern keine Heuerente mehr durchführen könnten und sich dadurch bedingt, die Wasserqualität des Fließes sich drastisch verschlechtern würde. Des Autors Resümee (Zitat): „Im Laufe der Jahre ist aus dem einstigen Ausflugs- und Erholungsgebiet mit seinen Flussauen und Wanderwegen über weite Strecken eine verstörende Mischung aus treibendem Totholz, umgestürzten oder verfaulenden Bäumen und brackigen Tümpeln geworden“.

Unter
http://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-naturschutzgebiet-tegeler-fliess-befindet-sich-in-einem-desolaten-zustand/20834126.html kann man das alles mit entsprechend verstörenden Fotos nachlesen.

Nun ist das Bewerten eines Landschaftsbilds eine ziemlich subjektive Angelegenheit, es ist die alte Diskussion zwischen menschengemachter Ordnung und natürlichem Chaos. Es mutet dennoch ziemlich anachronistisch an, wenn ein ehemaliger Chefredakteur des TSP im Zeitalter der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die seit dem Jahr 2000 in Kraft ist und von allen Mitgliedsstaaten der EU verlangt, ihre Fließgewässer wieder in einen ökologisch guten Zustand zu überführen, Forderungen nach Intensivierung der Gewässerunterhaltung und Herstellung alter „ordentlicher“ Zustände, die letztendlich einem Ausbaggern gleichkommen, erhebt.

So gibt es ja inzwischen zahlreiche Renaturierungsprojekte, durch die genau das Gegenteil passiert, indem Flüsse wieder frei mäandrieren können, selbst innerhalb von Siedlungsgebieten (vgl. DER SPIEGEL 1/2018: Umwelt: Den Bach runter – Verbaut und vergiftet: Unseren Bächen und Flüssen geht es schlecht). Anders als andere EU-Staaten kümmert sich Deutschland immer noch viel zu wenig um die Renaturierung seiner Gewässer.

Der ökologisch gute Zustand beinhaltet nicht nur eine gute Wasserqualität, sondern auch eine entsprechend dem Gewässercharakter entsprechende hohe Strukturvielfalt sowie eine möglichst natürliche Aue, die in der Lage ist, auch Hochwasser aufzunehmen und zu speichern. Dazu muss aber die Vegetation an derartige Überflutungen angepasst sein.

Das Tegeler Fließ als Landschaftsschutzgebiet (LSG) und Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet sowie neuerdings auch als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen, ist so ein trotz vieler menschlicher Einflüsse noch weitgehend naturnahes und über weite Strecken mäandrierendes Fließgewässer. Es wird im Berliner Teil auf der gesamten Fließstrecke von Mooren (insgesamt 156 ha) mit beträchtlichen Torfmächtigkeiten (3,5 bis 7 m) gesäumt. Die Moore stellen einen wichtigen CO2-Speicher dar.

Das Fließ selbst hatte schon immer eine stark schwankende Wasserführung. Im Zeitraum von 1986 bis 1998 lag der niedrigste Abfluss (NNQ) bei 81 l/s, der höchste Hochwasser-Abfluss (HHQ) bei 2500 l/s. Die Spanne zwischen Niedrig- und Hochwasser klafft also ziemlich weit auseinander.
Die Wasserspiegelschwankungen der Jahre 2016 und 2017 in m über NN, durch die Starkniederschläge im Sommer 2017 beeinflusst, sind der Abb. 1 zu entnehmen.


Abb. 1: Verlauf der Pegelwerte des Tegeler Fließes am St Josefs-Steg vom Nov. 2015 bis Januar 2018 (Quelle SenUVK).

Dass die Wasserstände heuer so lange so hoch sind, hängt vor allem mit den extremen Niederschlägen im Sommer 2017 zusammen. Das schreibt der TSP-Autor selbst, verkennt aber offensichtlich, wie heftig diese Niederschläge tatsächlich waren.

So stellte Berlin-Tegel einen bundesweiten Rekord auf. Am 29. Juni, dem Tag, an dem die gesamte Region mit sintflutartigen Regenfällen zu kämpfen hatte, wurden in Tegel 196,9 Liter pro m² gemessen, ein schier unglaublicher Wert – und fast ein Viertel der gesamten Jahresmenge (bis zu diesem Donnerstag waren es 831,8 Liter). Insgesamt war es laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) in keinem Sommer in Berlin seit Beginn der Aufzeichnungen noch nasser als 2017. Zitiert nach: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2017/12/berlin-brandenburg-wetter-rueckblick-2017-viel-regen-viel-wind.html

Diese Wassermengen hätte auch ein „ordnungsgemäß“ gepflegtes Fließ nicht abgeführt. Dazu kommt, dass im Einzugsbereich des Fließes in Brandenburg durch großflächige Haus- und Straßenneubauten in Glienicke, Schildow, Mühlenbeck etc. zunehmend mehr Boden versiegelt wird, dadurch versickert weniger Wasser und es kommt zu höheren Abflüssen.

Auch die Landwirtschaft, die mit Ihren schweren Traktoren immer mehr die Böden verdichtet, so auch auf den Wiesen im Bereich Lübars, trägt dazu bei, dass immer weniger Wasser versickern kann. Angesichts der heftigen, möglicherweise zukünftig noch zunehmenden Starkniederschläge sollten die Anwohner froh sein, dass sie dort noch ein so ein großes natürliches Hochwasserrückhaltebecken haben.

Auch die in dem TSP-Artikel aufgeführten zahlreichen Abflusshindernisse in Form von ins Wasser gefallenen Bäumen gibt es nicht. Das Fließ wird regelmäßig von einer Arbeitsgruppe der Senatsverwaltung inspiziert und dabei wesentliche Abflusshindernisse sofort entfernt. Warum sollte man aber in einem derartigen Naturraum zusätzlich jene toten Bäume beseitigen, die keine Gefahr für Menschen oder Sachgüter darstellen? Schließlich ist es das Kennzeichen eines naturnahen Flusses und tote Bäume im Wasser werden von vielen Fischarten als Unterstand und Deckung geschätzt.

Das im Unterlauf des Fließes befindliche Wehr kurz vor der Autobahn ist allerdings tatsächlich ein Abflusshindernis. Es ist aber zur teilweisen Ableitung des Fließwassers zur Phospat-Elimierungsanlage zur Reinhaltung des Tegeler Sees notwendig. Ohne diese Umleitung würde das nach wie vor belastete Fließwasser ungeklärt in den Tegeler See fließen. Möglicherweise ist diese Ableitung für Starkregenfälle zu gering dimensioniert.

Schließlich hat es die „Ordnung“, die der Autor im Tegeler Fließtal sucht, dort so nie gegeben. Es gab dort keine gestaltete Parklandschaft. Zwar wurde das Fließ im letzten Jahrhundert mehrmals begradigt, insbesondere aber deshalb, um jahrzehntelang das Abwasser der Rieselfelder schneller dem Tegeler See zuzuführen. Da glich der kleine Fluss eher einer Kloake. Dies änderte sich erst 1985, als das damals modernste Klärwerk der DDR in Schönerlinde in Betrieb genommen wurde. Die Schadstoffe, die bis dahin der Fluss abtransportieren musste, stecken aber immer noch im seinem Bett und den umgebenden Wiesen und belasten das Wasser vermutlich heute noch.

Bis in die 1960er Jahre wurde das Fließtal landwirtschaftlich genutzt, die Feuchtwiesen wurden zur Gewinnung von Heu oder Einstreu von Hand oder mit Pferden gemäht. Diese Nutzung findet heute nur noch im Bereich Lübars statt. Es gab auch zahlreiche Torfstiche, dadurch entstand z.B. der Köppchensee. Und es wurden zahlreiche Mühlenstaue errichtet, die den Abfluss bremsten.

Nach der Aufgabe der unrentablen landwirtschaftlichen Nutzung blieben weite Teile des Fließes sich selbst überlassen und die Natur holte sich den Raum wieder zurück, Erlenwälder, feuchte Weidengebüsche sowie Röhrichte entstanden. So ist das Bild, welches das Fließtal heute bietet, seit dieser Zeit allmählich entstanden. Obwohl bereits 1990 als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen, für dessen Pflege der Bezirk Reinickendorf zuständig ist, erfolgte auch von dort aus keine weitere Pflege oder Nutzung. Das Fließtal wurde auch aus Kostengründen sich selbst überlassen.

So sind durch die Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung weite Teile des Fließtals zu einer spannenden Wildnis geworden. Es gibt dort noch an feuchte Standorte angepasste Pflanzenarten wie den Fieberklee oder seltene und gefährdete Orchideenarten. Biber und Kranich haben dort wieder ihren Lebensraum und es brüten noch wenige Paare der jedenfalls in Berlin fast ausgestorbenen Bekassine, um nur einige Arten zu nennen.
Die seit 2015 stattfindende Beweidung mit Wasserbüffeln ist im Übrigen der letzte Versuch, Teile der Wiesen vor der völligen Verbuschung zu bewahren, denn die alte Nutzung ist nicht mehr herstellbar und auch aus Kostengründen völlig unrealistisch.

Das derzeit zu beobachtende Absterben der alten Schwarzerlen ist zu bedauern, aber nicht zu ändern. Es wird durch den Pilz Phytophthora alni hervorgerufen und ist ein europaweites Problem und hat nichts mit hohen Wasserständen zu tun. Man könnte die toten Erlen nur mit einem Riesenaufwand aus der Aue herausholen und würde dabei immense Schäden an den empfindlichen Böden hervorrufen. Ganz davon zu schweigen, dass große Teile der Moorböden gar nicht befahrbar sind. So sind die Baumskelette ein Zeichen für die in der Natur stattfindende Dynamik.

Zusammenfassend kann man nur feststellen, dass die in dem Artikel geforderte Vertiefung des Fließes und die Räumung heute bereits zum großen Teil nicht mehr vorhandener Entwässerungsgräben, was letztendlich einem Ausbaggern gleich käme, völlig kontraproduktiv wäre und die gesamte heutige Fließlandschaft erheblich schädigen würde.

Wer einmal im Sommer bei Niedrigwasser das Fließ erlebt hat, wird darüber nur den Kopf schütteln. Dann „tröpfeln“ oft weniger als 100 l/s durch das Flussbett und dann kommt es erst zu dem beklagten Sauerstoffmangel. Durch die Eintiefung würde die gesamte Aue im Sommer austrocknen mit den entsprechenden Wirkungen für an hohe Wasserstände und Bodenfeuchte angepasste Fauna und Flora.

In den Mooren würde dadurch das gespeicherte CO2 freigesetzt, was auch nicht gerade wünschenswert ist.
Und schließlich würde das Absinken des Wasserspiegels sofort durch den Biber kompensiert werden. Es würden zahlreiche neue Biberdämme entstehen – alles wäre umsonst gewesen.

Aufgrund der Verpflichtung zur Herstellung des guten ökologischen Zustands gemäß Wasserrahmenrichtlinie dürfte die Senatsverwaltung, selbst wenn sie es wollte, keine Eintiefung vornehmen, da sie an die Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie und der FFH-Richtlinie zwingend gebunden ist!

Der Artikel endet mit der Feststellung: „technisch möglich ist das alles“ – ja, aber ein Naturschutzgebiet ist etwas anderes als eine sterile, entwässerte Niedermoorwiese oder Parkanlage. Hier werden andere Fragen gestellt, hier soll die die Natur zu ihrem Recht kommen und Tiere und Pflanzen erhalten bleiben, die hier eine ihrer letzten guten Lebensräume haben. Kritik, Vorschläge und Ideen für Maßnahmen für das Fließ müssen sich mit diesem Ziel auseinandersetzen, das vermisst man in dem Artikel vollständig.

Wenn für den Autor eine umgestürzte Weide ein „verstörendes Totholz“ ist, dann ist an ihm die gesamte Diskussion zum Erhalt der Biodiversität auf dieser Erde spurlos vorbeigegangen. Eine tote Weide ist ein quicklebendiger Lebensraum für Käfer, Larven, Spinnen und andere Tiere, deren Rückgang der Tagesspiegel sonst ganz generell im Wissenschaftsteil als dramatischen Rückgang der Insekten feststellt; hier ist die Gelegenheit zu zeigen, dass man es Ernst meint mit deren Schutz.

Auch der angeblich Konflikt von dem der Autor spricht, der auf Kosten der Anwohner und der Natur ausgetragen wird, ist meiner Ansicht nach vor Ort nicht vorhanden. Ich habe seit 2015 aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit mit vielen Erholungssuchenden, Radlern und Spaziergängern im Tegeler Fließtal gesprochen, die allermeisten fanden die Landschaft dort spannend oder wildromantisch, weil sich hier die Natur, vom Menschen weitgehend unbeeinflusst entwickeln kann. Gepflegte Parks sind eine Sache, naturnahe Flusstäler haben eben auch ihre Berechtigung und Ihre Liebhaber*innen.

Ich stimme allerdings zu, dass das Natur- und Grünflächenamt Reinickendorf sich ruhig ein bisschen mehr um die Ästhetik des Gebiets, vor allem an den Wegrändern kümmern könnte. Mich stören dabei weniger die toten Bäume im Fließ, als vielmehr die Gartenabfälle, die nach wie vor von zahlreichen unbelehrbaren Anwohnern im LSG deponiert werden. Dies fördert u.a. die Ausbreitung von Gartenpflanzen, den sogenannten Neophyten und stellt eine Ordnungswidrigkeit dar.

Ziemlich störend für mein Naturerlebnis finde ich auch die zahlreichen blickdichten Zäune und landschaftsfremden Koniferenhecken entlang der Wanderwege. Da müsste doch was zu machen sein, um das Naturerlebnis zu optimieren!

Auch die Herstellung einiger weiterer Sichtschneisen, die dem Spaziergänger mehr Blicke vom Weg in die Landschaft ermöglichen, wäre sicher mit dem Naturschutz vereinbar.

Schließlich könnte man auch die Abschnitte der Wanderwege entlang des Fließtals, die infolge hoher Wasserstände manchmal nicht begehbar sind, ganz schnell durch den Bau aufgeständerter Bohlenwege entschärfen, so wie es bereits im Bereich des Eichwerder Steigs vor vielen Jahren geschehen ist.

Aus meiner Sicht befindet sich das Tegeler Fließ, wenn denn endlich noch die geplanten Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt werden, auf einem spannenden Weg hin zu einem guten ökologischen Zustand mit einer hohen Erlebnisqualität für den Menschen – ein Schatz für alle Berliner!

Als Leser des Tagesspiegels frage ich mich natürlich, was dieser Artikel eigentlich bezwecken wollte? Immer wieder ist ja festzustellen, dass die Berlin-Redaktion erhebliche Schwierigkeiten bei der objektiven Darstellung von Berliner Naturschutzproblemen hat. Ich erinnere mich an einen nicht akzeptablen Artikel über den Biber sowie zahlreicher, tw. tendenziöser Berichte zum Unterschutzstellungsverfahren Müggelsee usw.

Im Gegensatz dazu gibt es viele gute Berichte, z.B. von Auslandskorrespondenten über Naturschutzprobleme in aller Welt oder im Wissenschaftsteil. Man hat den Eindruck, je weiter weg die Probleme (von der Berlin-Redaktion?) stattfinden, desto objektiver wird darüber berichtet. Irgendjemand hat da ein Problem, das man mal lösen sollte! Für klärende Gespräche stehen Naturschützer gerne zur Verfügung!

© BUND vom 23.1.18